Die letzte Reihe
Ein Baum in der Wildnis
Green Planet Doku
Die Baumgrenze ist keine Linie, sondern ein Streifen. Von unten kommend wird der Bestand erst lückig, dann niedrig, dann krumm. Die letzten Bäume stehen einzeln, oft geduckt, mit Ästen nur auf einer Seite – der windabgewandten. Man sieht ihrer Form an, aus welcher Richtung das Wetter kommt, ohne dass es einem jemand sagen muss.
Auf welcher Höhe das geschieht, ist von Gebirge zu Gebirge verschieden, und es hängt nicht an der Höhe allein: Hangneigung, Ausrichtung zur Sonne, wie lange der Schnee liegen bleibt, wie oft hier Vieh war. Deshalb liegt die Grenze auf der Sonnenseite eines Tals anders als ein Stück weiter gegenüber im Schatten. Wer mit der Drohne quer über so ein Tal fliegt, hat beide Ränder im selben Bild.

Berglandschaft im Detail
Green Planet Doku
Weiter oben wird es nicht leer, sondern nur kleiner. Was hier wächst, wächst flach: Polster, Matten, Flechten auf Fels, Pflanzen, die ihre gesamte Blüte in wenige Wochen legen, weil mehr Zeit nicht da ist. Dazwischen leben Tiere, die man von unten selten zu Gesicht bekommt – und die schwer zu filmen sind, weil es keine Deckung gibt. Man kommt nicht näher heran, ohne gesehen zu werden.
Genau das macht diese Höhenlagen empfindlich. Ein Lebensraum ohne Deckung hat auch keinen Puffer. Eine Schneedecke, die früher weggeht, verschiebt die Blüte; eine Spur, die jemand quer durch ein Polsterfeld zieht, ist im nächsten Sommer noch zu sehen. Wir bleiben deshalb weiter weg und nehmen das schlechtere Bild in Kauf.
Schnee und Eis in den Bergen
Green Planet Doku
Wir fahren dieselben Hänge mehrmals im Jahr an, im Frühsommer und noch einmal, bevor der erste Schnee liegen bleibt. Erst im Vergleich sieht man, was ein einzelner Besuch nie zeigt: welche Flächen zuerst ausapern, wohin der Wind den Schnee trägt, welcher der einzeln stehenden Bäume den Winter überstanden hat und welcher nur noch steht. Ein Bild pro Ort ist eine Postkarte. Drei Bilder vom selben Ort sind ein Anfang.
"Nichts an der Baumgrenze ist eine Linie. Alles daran ist ein Übergang, den man mehr als einmal besuchen muss."
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